Diagnose MS: wackelt der Arbeitsplatz?
Mit MS arbeiten: neue Perspektiven für Patienten und Arbeitgeber
Bedeutet diese chronische Erkrankung automatisch das Ende des Berufslebens? Kann die Wirtschaft auf gut ausgebildete Fachkräfte einfach verzichten, wenn diese chronisch krank werden? Welche Rahmenbedingungen sind aber für ein erfolgreiches Miteinander am Arbeitsmarkt nötig?
Am Runden Tisch der Multiple Sklerose Gesellschaft Wien sprechen Arbeitgeber, Betroffene und Experten aus Medizin, Politik und Wirtschaft ihre Standpunkte an und entwickeln gemeinsam künftige Strategien. Deklariertes Ziel ist es MS PatientInnen einen längeren Verbleib in der Arbeitswelt zu ermöglichen. 10 Unternehmen, in denen Beschäftigung von MitarbeiterInnen mit MS besonders gut funktioniert, werden im Anschluss mit dem „Best Employer Award“ ausgezeichnet werden.
Chronisch kranke Menschen werden von der Gesellschaft häufig als reine Kostenfaktoren angesehen und in Folge rasch vom Arbeitsmarkt verdrängt. Dabei muss eine chronische Krankheit wie zum Beispiel Multiple Sklerose nicht automatisch in die Arbeits- oder Berufsunfähigkeit führen. Die Multiple Sklerose Gesellschaft Wien fokussiert mit ihrem Projekt „Mit MS arbeiten“ auf die Vereinbarkeit von MS und Berufstätigkeit und wird dabei von der Wirtschaftskammer Wien unterstützt.
Potenziale erkennen und nutzen
Die Position der Wirtschaftskammer Wien ist klar: Unternehmen brauchen gut ausgebildete und motivierte MitarbeiterInnen. Verlässt eine gut eingeschulte MitarbeiterIn das Unternehmen, geht immer auch wertvolles Know-How verloren. KommR Brigitte Jank, Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer und Hausherrin beim Runden Tisch „Mit MS arbeiten“:„ Die Wirtschaft kann und will sich den Verlust von erfahrenen und gut ausgebildeten MitarbeiterInnen nicht leisten. Die Betriebe nehmen daher ihre Verantwortung wahr und sind sehr bemüht, chronisch kranke Menschen möglichst lange im Arbeitsprozess zu halten.“ Gemeinsam mit der MS-Gesellschaft Wien möchte die Wirtschaftskammer das Bewusstsein der Unternehmen für die Potenziale chronisch kranker Menschen weiter schärfen und so noch mehr Betriebe als bisher von den Stärken betroffener Mitarbeiter überzeugen.
Mit MS arbeiten
Univ. Prof. Karl Vass, Neurologe an der Uniklinik Wien und Präsident der MS-Gesellschaft Wien dazu: „Auch aus medizinischer Sicht ist der Verbleib im Arbeitsprozess sinnvoll, da sich ökonomische Sicherheit, ein gutes Selbstwertgefühl und Erfolg am Arbeitsplatz positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken.“ Je nach dem, ob der Verlauf der Krankheit es zulässt, ist ein produktiver Verbleib am Arbeitsplatz durchaus möglich. Ein Ziel bei der Erstellung eines Therapiekonzepts ist daher immer auch der Erhalt der Arbeitsfähigkeit. Prof. Vass betont: „Mit den Therapien, die uns heute zur Verfügung stehen, ist die Vereinbarkeit von MS und Beruf in vielen Fällen möglich. Wichtig für PatientInnen sind aber neben der medikamentösen Therapie auch andere Faktoren, zum Beispiel die Rücksichtnahme auf spezifische Probleme wie etwa das Fatigue-Syndrom, psychische Betreuung oder Hilfe beim Weg durch den Behördendschungel sowie der barrierefreie Zugang des Arbeitsplatzes. Oft ist nur eine geringfügige Unterstützung notwendig damit der Betroffene im Arbeitsprozess verbleiben kann.“
Hilfe zur Selbsthilfe
Genau hier setzt auch die Arbeit der MS-Gesellschaft Wien an: als Anlaufstelle für Betroffene bietet sie Informationen zu nahezu allen Themen rund um die Multiple Sklerose. Selbstverständlich ist auch die Vereinbarkeit von Erkrankung und Beruf ein wichtiges Thema. Frau Mag.a Ursula Hensel, Geschäftsführerin der MS-Gesellschaft Wien, erläutert: „Die Fragestellungen in Bezug auf Beruf und Arbeitsplatz betreffen anfangs zumeist die rechtliche Situation bezüglich der Mitteilungspflicht an den Arbeitgeber und eines etwaigen Kündigungsschutzes. Im Verlauf der Erkrankung, bei Zunahme von körperlichen Einschränkungen, stellt sich die zentrale Frage nach dem Verbleib oder dem Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess. Im Beratungsgespräch versuchen wir, Lösungen aufzuzeigen, die einen möglichst langen Verbleib im Berufsleben ermöglichen.“ Das geschieht zum Einen in dem versucht wird, alle möglichen Förderungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber auszuschöpfen. Zum Anderen versucht man den PatientInnen zu helfen, sich mit Hilfe von Coachings und Umschulungen an die neue Situation anzupassen. Frau Mag.a Hensel weiter: “Aus den PatientInnengesprächen wissen wir, dass sehr viele vorzeitig unfreiwillig aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Aber leider ist die Datenlage rund um das Thema „Mit MS arbeiten“ sehr dürftig. Aus einer der wenigen aktuellen Umfragen* geht hervor, dass 50 Prozent der Betroffenen unter 60 Jahren nicht mehr arbeiten und 85 Prozent davon eine Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension beziehen. Weiters besagt der Bericht, dass 42 Prozent der PatientInnen durch die Einschränkung ihrer Arbeitsfähigkeit finanzielle Einbußen erfahren. Um die berufliche Situation der Betroffenen besser beurteilen zu können, wären umfassendere Informationen nötig. Wir von der MS Gesellschaft wünschen uns daher eine Studie, die diese Daten erhebt.“ Interessant aus Sicht der MS Gesellschaft Wien wären Daten, die u.a. Auskunft geben über die Art des Beschäftigungsverhältnisses der berufstätigen Betroffenen, die jeweiligen Symptome sowie den Behinderungsgrad, die Art des Beschäftigungsverhältnis in dem sie vor der Diagnose gestanden hatten, die Verweildauer am Arbeitsplatz oder die Gründe für ein etwaiges Ausscheiden.
Kleine Veränderungen – große Wirkung
Wie wichtig die von Frau Mag.a. Hensel genannte Flexibilität auf Seiten der Arbeitnehmer aber auch auf Seiten der Arbeitgeber ist, weiß auch Frau Mag.a Manuela Lanzinger, selbst eine MS Betroffene, die aktiv im Arbeitsprozess steht und ihren Posten kompetent ausfüllt. Aus ihrer Sicht sind es vor allem Vorurteile und mangelndes Wissen über MS, die die Situation für MS Patienten so schwierig machen. Sie selbst hat das offene Gespräch mit ihrem Arbeitgeber gesucht. Danach wurden geringe Adaptionen vorgenommen, die den Verbleib am Arbeitsplatz ermöglichten. Mag.a Lanzinger dazu: „Aus meiner Sicht gehört zu einem glücklichen Leben mit hoher Lebensqualität auch ein erfülltes Berufsleben. Oft sind nur kleine Veränderungen, die die Organisation des Arbeitsablaufes, die Möblierung oder bauliche Gegebenheiten betreffen, nötig, um uns zu helfen, die nötige gute Arbeitsleistung zu erbringen. Verständnisvolle ArbeitgeberInnen können dafür aber mit hoch motivierten und dem Unternehmen eng verbundenen ArbeitnehmerInnen rechnen.“
Gleichstellung ist Menschenrecht
Die Gleichstellung von Menschen mit und ohne Behinderung ist aber auch in der Österreichischen Verfassung verankert. Das Bundesministerium für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz schafft daher die sozialrechtlichen Rahmenbedingungen, um die Integration von Menschen, die mit Behinderungen leben, umsetzen zu können. Dr. Hansjörg Hofer, stellvertretender Behindertenanwalt meint dazu. „MS führt heute keineswegs mehr automatisch in die Arbeits- und Berufsunfähigkeit. Unsere Bemühungen zielen darauf ab, dass die breite Öffentlichkeit erkennt, dass Menschen mit Multipler Sklerose unter flexiblen Rahmenbedingungen Arbeitnehmer/innen mit Stärken und Schwächen sind, wie jeder andere auch. Vor allem die Wirtschaft ist gefordert, die Betroffenen nicht als reinen Kostenfaktor anzusehen. Denn die Gleichberechtigung von Menschen mit dieser Krankheit beginnt dann, wenn in unseren Köpfen keine Barrieren mehr bestehen“
Barrieren beseitigen
Um den gesetzlichen Rahmenbedingungen entsprechend real existierende Barrieren entschärfen oder beseitigen zu können, fördert das Bundesamt für Soziales und Behindertenwesen (Bundessozialamt) eine Reihe von Projekten, die die berufliche Integration von Menschen mit Handicaps zum Inhalt haben. Das BSB koordiniert und fördert in diesem Bereich eine breite Palette von vernetzten Angeboten. Diese Dienstleistungen richten sich sowohl an ArbeitnehmerInnen als auch an Unternehmen. Die gesetzten Maßnahmen beginnen auf der Seite der ArbeitnehmerInnen bei Individualförderungen und führen über Arbeitsplatzadaptierungen bis zur Unterstützung bei der Arbeitssuche. Auf der Seite der Unternehmen kommen vor allem Lohnförderungen oder die Hilfestellung bei der Rekrutierung von MitarbeiterInnen zum Tragen. Dr.in Andrea Schmon, Leiterin der Landesstelle Wien des Bundessozialamtes dazu: „Das Bundessozialamt bietet Menschen mit Behinderung und ihren DienstgeberInnen vielfältige Leistungen an. Bei all diesen Maßnahmen ist es uns wichtig, dass die Personen soviel Autonomie behalten, wie sie wollen und auch bewältigen können, aber auch die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Nur dann profitieren beide Seiten von der Zusammenarbeit.“
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